Der Pfirsichbaum

Der Schreibtisch des Personalchefs war aus echtem Mahagoni. In der polierten Tischplatte konnte Erik sein Spiegelbild erkennen: eine hohe Gestalt mit breiten Schultern und markanten Gesichtszügen. Er zwinkerte sich zu. Dann sah er zu den Fotos, die überall herumstanden. Sie zeigten eine Frau mit Kindern, ein riesiges Haus, eine Yacht. Was für ein Angeber, dachte Erik.
Der Personalchef blätterte noch immer in den Unterlagen. „ Also, das liest sich ja alles nicht schlecht, Herr Hammer“, begann er stirnrunzelnd. „ Architekt für Garten- und Landschafts-bau, immer in dem Beruf tätig gewesen und arbeitssuchend nur, weil die vorherige Firma aufgelöst wurde. Aber warum sind sie nicht verheiratet? Sie sind bereits fünfunddreißig. Was ist mit Kindern?“ Er zeigte auf die eigenen Fotos und lehnte sich in seinem Ledersessel zurück.
Eriks Blick streifte den Hemdkragen des Personalchefs. Der Lippenstift der Sekretärin war kaum zu sehen.
„Eine Familie zu gründen, ist etwas Besonderes“, sagte er, langsam und mit Bedacht.
„Ich habe die richtige Frau noch nicht gefunden.“
Mit einem Quietschen des Sessels beugte der Personalchef sich vor und pochte auf Eriks Unterlagen. „ Diese Stelle hier ist besonders befremdlich. Sie schreiben unter ,positive Eigenschaften‘, dass Sie ein HSP sind, also – Moment, wie war das? – eine hochsensible Person. Also ehrlich! Sensibel allein wäre schon schlimm, aber auch noch hochsensibel! Sowas gibt man doch nicht zu! Sie sind mindestens einsneunzig, und Sie sehen aus wie ein Wikinger!“ Er redete sich in Rage.
Erik war versucht, mit dem Finger kleine Kreise um die Speicheltropfen des Personalchefs zu ziehen, die vor ihm auf der Tischplatte landeten. „ Mein Spitzname ist tatsächlich Wikinger“, erwiderte er. „Ihrer Rede entnehme ich, dass Sie Sensibilität nicht gutheißen? Warum nicht?“
Der Personalchef musterte ihn mit schmalen Augen. „ Sie brauchen hier Durchsetzungs-vermögen, Klarheit und Kraft. Sie sollen eine Abteilung leiten und nicht bei jedem Problem zusammenbrechen und heulend zu mir gelaufen kommen.“
„ Nun, dann kann ich Sie beruhigen. Ich besitze Klarheit, weil ich viel sehe. Mir bleibt kaum etwas verborgen. Mit meiner Kraft gehe ich sehr sorgsam um und tanke sie in meiner Freizeit immer wieder auf. Was mein Durchsetzungsvermögen angeht: das gehe ich mit Einfühlungsvermögen für mein Gegenüber an. Und heulen werde ich nur zuhause. Versprochen.“
Erstaunt sah ihn der Personalchef an. Dann schaute er erneut in die Unterlagen.
Erik ließ seinen Blick durch die großen Fenster schweifen. Die Obstbäume im Garten würden bald blühen.
Der Personalchef legte die Papiere beiseite. „ Also, Herr Hammer, ich denke, wir versuchen es. Unsere Zusammenarbeit wird bestimmt interessant.“
Erik stand auf und schüttelte ihm lächelnd die Hand.
„Vielen Dank.“
Beim Hinausgehen drehte er sich noch einmal um.
„Ich beneide Sie um die schöne Aussicht und den Pfirsichbaum. Der wird bald pinkfarben blühen.“
Der Personalchef runzelte die Stirn. Die Frage stand ihm ins Gesicht geschrieben:
Welcher Pfirsichbaum?