Der Schamane

Es ist noch früh am Morgen. Ich laufe barfuß durch den Garten und spüre unter meinen Füßen den kühlen Tau.
Die ersten Vogelstimmen begleiten mich auf meinem Weg zu dem alten Ahornbaum. Ich setze mich, lehne mich an ihn und streichle seine raue Rinde.
Wehmut erfüllt mich. Das Gefühl der Verbundenheit von letzter Nacht ist verschwunden. Es war angefüllt mit Liebe und Wärme. Ich schließe die Augen und versuche den Traum zurückzuholen.
Um mich herum ist nichts als Nebel. Keine Zeit, kein Raum. Ich fühle mich unwirklich. Meine Füße finden keinen Boden. Alles wirkt wie eingefroren. Angestrengt versuche ich etwas zu erkennen. Schemen, irgendetwas.
Ein Windhauch. Der Nebel lichtet sich und gibt den Blick auf einen Mann frei. Er kommt auf mich zu. Langsam, majestätisch. Seine Bewegungen sind geschmeidig und mir läuft ein Schauer über den Rücken. Kurz vor mir hält er an. Ich kann sein Gesicht nicht erkennen. Es wechselt stetig zwischen einem Männergesicht zu dem eines Rabenvogels hin und her.
Ich kann kaum atmen. Lange sieht er mich an. Er ist einzigartig und wunderschön, denke ich.
„Sieh, was sie mir angetan haben“. Seine tiefe Stimme scheint von überall zu kommen.
Ich verstehe ihn nicht. Wer hatte ihm was angetan?
„Sieh, was sie mir angetan haben“. Er zeigt nach unten.
Mein Blick wandert an ihm hinunter und mich erfasst ein maßloses Grauen.
Seine Füße sind zerfetzt. Zehenglieder sind abgerissen, die Gelenkkapseln zerstört. Manche Zehen fehlen ganz und Knochenreste stehen unwirklich nach allen Seiten ab. Er blutet. Die Wunden sind infiziert und müssen ihm unendliche Schmerzen bereiten.
Mitleid überflutet mich und mit ihr eine Welle der Übelkeit. Ich muss etwas tun. Ich kann seinen Schmerz fast körperlich spüren. Meine Hilflosigkeit lässt mich wütend werden. Zorn beginnt sich seinen Weg zu bahnen und rauscht durch meinen Körper.
„Wer hat dir das angetan“ Meine Frage ist mehr ein Flüstern. Ich kenne die Antwort, will sie aber nicht hören.
„Die Menschen“, antwortet er.
Ich falle vor ihm auf die Knie. Es tut mir so unendlich leid. Ich entschuldige mich immer und immer wieder. Es existiert nichts mehr, außer uns beiden. Ich wünschte ich könnte bei ihm bleiben. Ich wünschte mir so sehr, dass ich alles Leid ungeschehen machen könnte. Tränen laufen über mein Gesicht. Ich muss ihm helfen. Vorsichtig umfasse ich seine Füße mit meinen Händen.
Er stöhnt auf.
Ich spüre eine tiefe Liebe in mir. Sie vertreibt die Wut und den Zorn. Sie wird immer mächtiger, bricht sich ihre Bahn und durchdringt jede Zelle von mir. Ich habe Angst sie nicht länger bändigen zu können und lasse sie frei. Es ist anstrengend, mir ist heiß, die Energie fließt durch meine Hände, verbindet mich mit dem Vogelmann.
Die Zeit verschwimmt, existiert für den Augenblick nicht mehr.
Die Wunden seiner Füße schließen sich.
Ich kann zusehen, wie das entzündete Fleisch heilt. Die Kraft verlässt mich, ich fühle mich leer, löse meine Hände von ihm. Ich falle. Es gibt kein Oben, kein Unten. Es ist mir egal. Ich falle immer weiter in die Leere unter mir und schließe die Augen.
Zwei starke Arme fangen mich auf. Er drückt mich sanft an sich.
Mein Körper zittert. Sinnliche Gedanken fliegen durch meinen Kopf. Noch lasse ich meine Augen geschlossen. Genieße. Atme seinen warmen Duft ein, versuche den Moment zur Ewigkeit auszudehnen, dann öffne ich sie.
Sein Gesicht ist direkt über meinem. „Es ist gut“ sagt er und streichelt über meine Wange. „ Ich danke dir“.
Ich umschlinge seinen Hals und drücke mein Gesicht tief in seine schwarzen Federn. Haltesuchend, verloren.
„Sieh“, sagt er leise in mein Ohr.
Wiederwillig hebe ich meinen Kopf. Der Nebel ist verschwunden. Unter mir  Berge und Hochebenen, soweit ich sehen kann.
Canyons breiten sich aus und die Landschaft ist angefüllt mit Flüssen und Wasserfällen.
Ich höre den hohen Schrei eines Raubvogels und wundere mich, dass er aus meiner Kehle kommt. Meine Sehkraft verschärft sich und selbst die kleinste Maus sehe ich im Gras verschwinden. Die Luft riecht und schmeckt plötzlich ganz anders. Der Wind ist herrisch. Er zerrt kräftig und unerbittlich an meinen Flügeln. Ich versuche mich seinem wilden Wesen anzupassen, mich von ihm führen zu lassen. Es ist ein Hochgefühl und ich schreie meine Freude laut hinaus. Meine Augen suchen den Vogelmann.
Über mir ertönt der Schrei eines riesigen Adlers. Ich sehe hinauf, sehe in die Augen des Vogelmanns.
„Komm“, sagt er.
Ich fühle Boden unter mir. Meine Füße drücken sich in das trockene Gras der Hochebene. Über mir ziehen die Wolken am Himmel und ich danke Mutter Erde für ihre Vollkommenheit.
Eine tiefe Stimme ruft mich.
Ich blicke mich um.
Ein Mann sitzt an einem Lagerfeuer und winkt mir zu.
Ich laufe zu ihm. Sein Kopf ziert ein Federschmuck. Keine Feder gleicht der Anderen. Alle sind verschieden, einzigartig und wunderschön. Seine Augen lächeln.
Ich würde ihn in jeder Gestalt erkennen.
Liebevoll küsst er mich. „Es ist noch nicht zu spät“, sagt er und streicht noch einmal zärtlich über meine Wange.
Ich will bleiben. Ihn festhalten. Ihn nicht verlieren. Ich kann nicht. Ich darf nicht. Ich muss gehen. Die Trennung reißt mich aus meiner Erinnerung.
Die Rinde des Baumes drückt sich in meinen Rücken.
Noch lasse ich meine Augen geschlossen. Ich sage mir immer wieder, dass es nur ein Traum war, der mit der Zeit verblassen wird. Wie eine Ertrinkende halte ich mich an der Gegenwart fest. Was kann ich alleine schon tun, damit die Welt eine bessere wird?
Ich öffne meine Augen und wieder ist die Zeit nur relativ.
In meinem Schoß liegt eine tief-blauschwarze Rabenfeder.