Frechdachs

Wir haben Sommer und Frechdachs treibt mich, Hector und wer weiß wen noch, in den Wahnsinn.
Wie ihr schon wisst, füttere ich jeden Morgen eine ganze Schar von wilden Vögeln. Dazu gehört auch ein Futterhäuschen, welches an der großen Konifere hängt. Ich befülle es mit geschälten Sonnenblumenkernen. Die Befüllung reicht immer für mehrere Tage. Seit drei Wochen nicht mehr. Jeden Tag, etwa um die Mittagszeit, ist das Häuschen leer.
Ich überlegte, beobachtete, wunderte mich und fand mich irgendwann damit ab, dass die Vögel eben mehr Hunger hätten, vermutlich, weil sie ihre Jungen füttern mussten. Die Erklärung war dünn und wie sich rausstellen sollte auch falsch.
Als ich am nächsten Tag vom Einkaufen nach Hause kam, sah ich das Futterhäuschen gefährlich schwanken. Ich blieb stehen und traute meinen Augen nicht.

Es war absolut windstill und es gab keinen ersichtlichen Grund für das Schwanken.

Während ich noch überlegte drehte sich das Häuschen, wie von Geisterhand, auf den Kopf, begann rhythmisch zu zucken und ließ Sonnenblumenkerne regnen.
Ich war beunruhigt, das ergab keinen Sinn. Ich ließ die Einkaufstaschen stehen und bewegte mich langsam Richtung Konifere. Die Tarnfarben der Natur sind super, aber jetzt konnte ich ihn sehen. Es gab einen Übeltäter.
Ein Eichkater, vermutlich der selbe, der mir im Winter die Jutesäcke von den Pflanzen gerupft hatte, schüttelte die Sonnenblumenkerne aus dem Vogelhäuschen. Mit seinen hinteren Pfoten hatte er den Ast der Konifere umklammert und hing mit dem Kopf nach unten. Seine Vorderpfoten griffen das Häuschen, drehten es um und schüttelten es.

Das musste ich verhindern. Meine verbalen Versuche blieben erfolglos. Ich hatte sogar das Gefühl, dass er mich belustigt ansah und einfach weiter machte, bis das Häuschen leer war. Bevor ich noch etwas sagen konnte verschwand er im Baum. Resigniert ließ ich den Kopf hängen und wollte zurück zu meinen Einkaufstaschen, als flügelschlagend Hector neben mir auf der Pflanzspirale landete.
“Hast du das gesehen?”, fragte ich ihn leicht empört.
Er legte den Kopf schief. Natürlich hatte er. Sein Blick richtete sich auf die Äste der Konifere.
Meiner ebenfalls und ich sah wie sie leicht zitterten.

Plötzlich sprang der Eichkater hervor und landete gekonnt auf dem Boden. Er begann die dort herumliegenden Haselnüsse zu futtern, die eigentlich Hector gehörten.
Hector und ich sahen uns an.
“Ha, jetzt hast du ausgespielt”, sagte ich zu dem Eichkater. “Hector wird es dir schon zeigen”. Erwartungsvoll strahlte ich Hector an.
Der schüttelte den Kopf, holte Luft, plusterte sich auf und sprang mit ausgebreiteten Schwingen auf ihn zu.
Angst hatte ich keine. Wenn Hector angreift, sieht er anders aus. Er wollte den Eichkater nur vertreiben.
Der machte einen Hopser zur Seite, tänzelte um Hector herum, um sich dann wieder blitzschnell die nächste Nuss zu nehmen.
Hector versuchte durch einiges Imponiergehabe und Herumscheuchen den Eichkater zu vertreiben, aber es gelang ihm nicht. Sichtlich genervt warf er mir einen düsteren Blick zu und hob ab.
Wortlos ging ich meine Einkauftaschen holen.
Was soll ich sagen. Ich kaufe jetzt größere Mengen Futter ein und bekomme so etwas Rabatt und mein Gewissen beruhige ich damit, dass ich mich über all die gesunden und kräftigen Tiere freue.