Ich hatte mal eine Schnecke

Es war ein Tag wie jeder andere. Nicht besonders aufregend oder ungewöhnlich und ich musste Lebensmittel einkaufen.
Mein Einkaufszettel war vielseitig und ich hielt mich schon wieder zu lange bei dem Gemüse auf. Kohlrabi fehlte noch, also griff ich mir drei Knollen und ging zu diesen Mülleimern die dort für den Gemüseabfall herumstanden. Ich brach die Blätter des Kohlrabis ab, öffnete den Deckel des Mülleimers und verharrte in der Bewegung.
Ganz oben, auf dem Blätterberg, saß eine Schnecke. Keine nackige, sondern eine hübsche mit dunklem Haus. Sie streckte sich so lang aus ihrem Häuschen, dass ich dachte: ” noch ein Stück weiter und du bist  häuschenlos”.
Ich hatte keine Ahnung, wie lange sich die Schnecke schon durch den Gemüseabfall wühlte, um jetzt ganz oben angekommen, nicht an die Klappe zu reichen und damit in die vermeintliche Freiheit zu entkommen.
Während ich sie beobachtete hatte ich das Gefühl verzweifelte Hilferufe zu hören.
Mit leisem “Plop” zog ich sie von einem Salatblatt ab und setzte sie vorsichtig auf einen meiner Kohlrabis, ganz vorne im Wagen.
Sie bekam von mir einige Infos zwecks Verhalten in Einkaufwagen und so fuhr ich mit ihr durch den Laden um weiter einzukaufen.
Sie bewegte sich nicht vom Fleck und saß ganz still. Sie erinnerte mich an eine Kühlerfigur, nur eben auf einem Kohlrabi im Einkaufswagen.
Der entsetzten Kassiererin hielt ich den Kohlrabi vor die Nase, damit sie den Stückpreis eingeben konnte,… die Schnecke sei ja wohl umsonst, sagte ich.
Die Autofahrt verbrachte der Kohlrabi in meinem Schoß. 
Zu Hause angekommen nahm ich ein großes Glas aus dem Schrank, bestückte es mit Salatblättern und tat die Schnecke hinein.
Auf ihre Freiheit würde sie noch etwas warten müssen, wir hatten gerade erst Februar.
Die Zeit bis zum Frühling verlebte sie gut.
Alle paar Tage duschte ich sie, sie sollte die Freiheit nicht zu stark vermissen, was ihr sehr gefiel. Sie wurde dann stets um mehrere Zentimeter länger.
Andere hatten Goldfische im Glas, ich eben eine Schnecke.
Der Frühling ließ sich Zeit und so blieb sie bis April bei mir.
Als ich sie endlich in die lang ersehnte Freiheit entlassen konnte, war sie nicht mehr allein. Unter einem Salatblatt klebte, fast unbemerkt, eine kleine durchsichtige Schnecke.
Ich setzte beide in die frischen Erdbeerpflanzen im Garten und wünschte ihnen noch ein wunderschönes Leben.